Spirituelle Impulse

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

Staatsangehörigkeit: Geist-Reich – so überschrieb der im Juli 2017 verstorbene frühere alt-katholische Bischof Joachim Vobbe einen seiner sogenannten Herdenbriefe mit dem Untertitel Betrachtungen über die Firmung. In einer Zeit, in der nationale Identität neu betont wird, ist mir diese Formulierung wieder in den Sinn gekommen: Großbritannien verlässt die Europäische Union, die Katalanen erklären ihre Unabhängigkeit. Ein Präsident gewinnt die Wahl mit dem Slogan „Amerika first“, eine betont nationalistische Partei wie die AfD zieht in den Bundestag ein und diese Reihe ließe sich fortsetzen…

Mir gibt das nicht nur zu denken, sondern fordert mich auch als Christ heraus. Müsste nicht gerade für Christinnen und Christen, die Betonung des Völkischen, Nationalen längst Geschichte sein?

Bei einer Bistumssynode unserer Kirche wenige Jahre nach der Wiedervereinigung regte ein ­Synodaler bei der 1. Sitzung am 03. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit an, zur Eröffnung die Nationalhymne zu singen. Die meisten von uns hätten damit wahrscheinlich kein Problem gehabt, aber es gab auch andere Stimmen. Damals wurde noch viel mehr als heute diskutiert, ob der 03. Oktober wirklich das richtige Datum für diesen ­Nationalfeiertag ist. Einer klugen Eingebung folgend und um wohl auch eine längere Diskussion zu vermeiden, betonte Bischof Joachim daraufhin, dass Christen zuerst Bürger des Reiches Gottes seien und nicht eines Landes und ihre Nationalhymne dementsprechend das Lob Gottes sein müsse. Daraufhin wurde „Laudate omnes gentes“ angestimmt.

Was wäre das für eine Welt, wenn zumindest Christinnen und Christen immer zuerst betonen würden, dass sie Bürgerinnen und Bürger des Reiches Gottes sind, und erst dann Ukrainer, Russen, Serben, Kroaten, Iren oder Engländer oder wenn wir 100 Jahre zurückdenken, Deutsche und Franzosen?

Das Anbrechen des Reiches Gottes war ja die zentrale Botschaft Jesu. Mit seinem Wirken ist die in der Heiligen Schrift vorhergesagte Heilszeit (Jes 35,5–6) angebrochen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt 11,5). Wer die Bergpredigt (Mt 5,1–13) hört und den Blick auf Jesu Tun richtet, der merkt sehr schnell, was die Botschaft vom Reich Gottes und die Zughörigkeit dazu für das eigene Leben bedeutet. Es geht um Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität und die Bereitschaft dafür einzustehen.

Das sind doch auch die Ziele, die die Völker und Nationen nach den Erfahrungen der verheerenden Kriege im 20. Jhd. zusammengeführt haben in den Vereinten Nationen und auch in der Europäischen Union. In erster Linie waren und sind das Friedensprojekte, die es – so meine ich – zu unterstützen gilt, bei allen Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten.

Was der Beitrag der Kirchen dazu sein könnte, hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union 2012 so formuliert:

„Es ist an der Zeit, die Kraft des gemeinsamen Glaubens zu aktivieren. Wir müssen den Prozess der europäischen Integration, der maßgeblich auch von engagierten Christinnen und Christen gestaltet worden ist, zukunftsfähig halten. Die Kirchen – gerade in ökumenischer Verbundenheit – haben die Kraft und die Reichweite, Menschen zu einem gemeinsamen europäischen Weg zu ermutigen. Sie haben die Inspiration, den europäischen Gedanken zu leben. Und sie haben Erfahrungen, praktisch zu illustrieren, was Völkerverständigung, Einheit in Vielfalt und gemeinsames Handeln über Grenzen hinweg bedeuten kann“.

Uns hier einzubringen, sind wir eingeladen als Gemeinde, als Kirche, aber auch jede und jeder einzelne.

 

Dass uns das mehr und mehr gelingt, wünsche ich uns allen auch für das kommende Jahr 2018.

 

Ihr

Siegfried J. Thuringer, Pfr.

  

 

 

 

Archiv der vergangenen spirituellen Impulse

Sonntag, 28. Januar

Gemeindeversammlung nach dem Gottesdienst

Donnerstag, 1. Februar

19.30 Uhr Gartenhausgespräch in der Adalbertstr. 32
zum Thema Segen und Segnen

Sonntag, 18. März

Gemeindeversammlung nach dem Gottesdienst