Spirituelle Impulse
Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,
ein Rabbi erzählt einmal folgende Geschichte:
Es gab einmal einen Toren, den man den Golem nannte, so töricht war er. Am Morgen beim Aufstehen fiel es ihm immer so schwer, seine Kleider zusammenzusuchen, dass er, am Abend daran denkend, oft Scheu
trug, schlafen zu gehen.
Eines Abends fasste er sich schließlich ein Herz, nahm Zettel und Stift zur Hand und verzeichnete beim Auskleiden, wo er jedes Stück hinlegte. Am Morgen zog er wohlgemut den Zettel hervor und las: „die Mütze“ – hier war sie, er setzte sie auf, „die Hosen“ – da lagen sie, er fuhr hinein, und so fort, bis er alles anhatte.
„Ja aber, wo bin ich denn?“ – fragte er sich nun bang, „wo bin ich geblieben?“ „So geht es auch uns“, sagte der Rabbi.
Eine Geschichte zum Schmunzeln, die aber doch eine ernste Frage aufwirft!! „Wo bin ich denn?“ – diese Frage geht vielleicht auch uns manchmal nach. Wo komme ich in den Dingen, die ich täglich tue, vor? Das meiste, was ich einen ganzen Tag lang mache, ist mir vorgegeben. Durch meine Arbeit, in der es vieles gibt, was ich erledigen muss, weil es dazugehört. Wenn ich Glück habe, kann ich vielleicht einige Akzente, Schwerpunkte setzen; viele können das freilich nicht. Aber auch andere Rollen, die ich übernommen habe, die ich jetzt spielen muss, auch wenn ich sie aus freien Stücken gewählt habe. Da gibt es Rollenmuster, Erwartungen und Vorstellungen, denen ich gerecht werden muss
oder will. Der Golem kriegt nichts auf die Reihe. Und als er gelernt hat, alles unter einen Hut zu bekommen, stellt er fest, er kommt darin nicht vor, er hat sich selbst verloren.
Da ist das Leben endlich in geordneten Bahnen und plötzlich stellt man fest, man findet sich selbst nicht mehr, man ist sich selbst entfremdet. Eine Vorstellung, die mir zutiefst zuwider läuft und ein Stück weit auch Angst macht. Ich möchte schon ganz gern Herr meines Lebens sein, das Leben selber gestalten oder wenn ich ein Schlagwort verwenden darf, mich in dem,
wie ich lebe und was ich tue, selbst verwirklichen.
Ich möchte eigen-mächtig leben und viele Umfragen zeigen, dass dies einer der wichtigsten Wünsche der Menschen ist.
Jesus setzt da einen anderen Akzent, der mich aufhorchen lässt, wenn er im Johannesevangelium sagt: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer
aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, der wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ Joh 12,25
Anders als in der Geschichte vom Golem heißt verlieren hier nicht, sich selbst verlieren, sondern sich neu zu finden und Frucht zu bringen, in meiner „Bestimmung“, der ich nachkomme. Bestimmung – mir ist leider kein besseres Wort eingefallen, meint nicht Vorbestimmung, sondern die Möglichkeiten, die in mir wohnen, entfalten. Jedenfalls legt dies das Bild vom Weizenkorn
nahe, das Jesus damit verbindet: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn
es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Joh 12,24
Das Weizenkorn für sich, uneingesetzt, existiert an seiner Bestimmung vorbei. Mit anderen Körnern zu Mehl gemahlen und gebacken, wird es zum Lebens-mittel. Gesät bringt es neue Frucht. Das Weizenkorn stirbt nicht, es verwandelt sich. Im Evangelium wird es eingesetzt als Hinweis auf den Tod Jesu. Aus seinem Tod erwächst neue Frucht: Den Glaubenden wird durch diesen Tod
ewiges Leben eröffnet.
Nur wer sich hingibt, ins Leben hineingibt, der wird das Leben bewahren, wer das Leben ängstlich festhält, der wird es verlieren. Sich selbst verwirklichen, eigen-mächtig leben – widerspricht das dem nicht?
Ja und Nein!
Nicht durch eigenes Zutun lebe ich, sondern das Leben ist ein Geschenk, und vieles, was mich und mein Leben ausmacht, habe ich einfach mitgekriegt und geschenkt bekommen.
Wer seine Existenz so erfährt, der kann gar nicht anders, als sein Ver-mögen, dass heißt das, was er zu tun imstande ist, anderen auch zur Verfügung stellen.
Wir leben nicht aus uns selber, sondern meine Lebensgeschichte ist verwoben mit den Lebensgeschichten anderer. Bewusst geworden ist mir das einmal vor Jahren, als wir in einer Gruppe Generationenketten gebildet haben. Von den Großeltern und Eltern über mich selber hin zu den Kindern.
Die Lebensgeschichten sind miteinander verwoben und haben Bedeutung für
meine Geschichte, mein Leben. Menschen haben sich für uns eingesetzt,
haben uns geliebt, Menschen haben sich für uns ein Stück weit auch hingegeben, haben uns an ihrem Leben teilhaben lassen und vielleicht auch
im herkömmlichen Sinn auf Selbstverwirklichung verzichtet.
Oder auch nicht; denn dieses verwoben sein, ist ja keine Einbahnstraße, die von einer Generation zur nächsten führt, sondern zumindest in zwei aufeinanderfolgenden Generationen auch zurückwirkt. Kinder wachsen nicht nur an ihren Eltern, sondern Eltern wachsen auch an ihren Kindern.
Dieses Bild vom Band, das Generationen miteinander verbindet, ist für mich auch ein wichtiger Aspekt für die Gemeinschaft der Glaubenden. Gemeinschaft sind nicht nur wir, die wir heute leben, sondern dazu gehören alle, die vor
uns waren und die nach uns kommen werden. Wir leben aus überlieferten Erfahrungen, wir reiben uns sicher auch daran; wir fügen unsere Erfahrungen hinzu und wenn es uns wichtig ist, dann versuchen wir das auch weiterzugeben.
Jesus gebraucht das Bild vom Weizenkorn, um seinen Tod zu deuten. Er ist wie ein Weizenkorn, das sterbend durch Gottes Kraft neue Frucht bringt.
Im Blick auf das, was wir in den kommenden Wochen feiern, im Blick auf Passion, Tod und Auferstehung Jesu, dürfen wir verloren geglaubtes Leben neu erhoffen.
Unsere Erfahrungen vom Sterben und Leben und die Erfahrung vieler Menschen vor uns, bestätigt Gott in seinem Sohn. Wir erahnen:
Wer teilen kann, der besitzt; wer sich hingeben kann, wird reich; wer aufgeben kann, gewinnt;
und wer stirbt, der darf die Fülle des Lebens erhoffen.
Ihr Siegfried J. Thuringer, Pfr.
