Spirituelle Impulse

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Freundinnen und Freunde der Gemeinde,

 
waren Sie schon einmal in der Wüste? Oder haben sie schon einmal eine Wanderung bei extremer Hitze gemacht?

Am Ende meines Theologiestudiums habe ich mit anderen Studentinnen und Studenten eine Reise nach Israel gemacht.

An einem Tag war auf dem Programm eine Wüstenwanderung. Sie führte östlich von Jerusalem vom Georgskloster durch das Wadi el Qelt bis nach Jericho und dauerte mehrere Stunden. Wüste, das ist hier keine platte Sandwüste, sondern eine Schlucht mit einem im Sommer ausgetrockneten Flussbett, mit viel kargem Fels, wenig Pflanzen, kaum Schatten und im August mit über 40 Grad Hitze. Den Einwand unseres einheimischen Führers, nicht in der Mittagshitze zu gehen, haben wir damals nicht ernst genommen. Am Anfang gingen wir den Weg noch voller Begeisterung, vorbei an einem römischen Aquädukt, über schroffe Hänge und auf in Stein gehauene Stufen.

 Mit der Zeit wurde es zunehmend stiller, bis die ersten anfingen zu jammern und zu schimpfen: „Warum haben wir uns darauf eingelassen?“ „Wären wir doch in Jerusalem geblieben!“ „Nie wieder werd’ ich so etwas mitmachen!“ Der Weg, den wir gingen, hatte es streckenweise in sich, unter uns die Schlucht, über uns die Felswand, viel Geröll und eine Enge, der man nicht mehr einfach entkam. Und das Schlimme daran war, wir sahen lange kein Ziel, keinen Ausgang aus diesem Tal. In dieser Situation waren wir ganz und gar auf unseren einheimischen Führer angewiesen, der den Weg kannte.

Eine andere, biblische Wüstengeschichte erzählt vom Auszug der Israeliten aus Ägypten. Ungeachtet dessen, ob das historisch so war, spiegelt sich darin die Wüstenerfahrung eines ganzen Volkes. Gott befreit sein Volk, er verheißt ihnen das gelobte Land; Mose soll sie dorthin führen. Sie lassen sich auf den Exodus, den Auszug aus Ägypten ein. Sie kennen weder das genaue Ziel, noch die Dauer ihres Weges, noch wissen sie wovon sie ihre Versorgung bestreiten, wovon sie leben sollen. Und in der Wüste, wo dieser Weg ins verheißene Land zunehmend unbequem wird, geraten sie in eine Krise. Sie murren gegen Mose und Aaron, ihre Führer und sie sehnen sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Sie haben Angst, in der Wüste vor Hunger zu sterben.

Zwei Geschichten, ähnlich und doch wieder verschieden. Aber gemeinsam ist ihnen die Erfahrung der Wüste!

Wir brauchen nicht nach Israel reisen, um solche Wüstenerfahrungen zu machen. Wir erleben Wüste auch bei uns, auf unserem Lebensweg. Wir nennen es dann nicht Wüste, sondern Krise. So eine Krise kann eine Krankheit sein, wenn man hilflos auf der Intensivstation liegt, umgeben von Apparaten und Schläuchen oder es kann der Tod sein, wenn ein Mensch stirbt, mit dem ich mein Leben geteilt habe oder es kann das Gefühl sein, einsam zu sein. Oder die Krise in einer Ehe, wo alles so verfahren ist, dass man keinen Ausweg mehr sieht.

Das alles sind Wüstenerlebnisse und ihnen ist gemeinsam: Es fehlt die Perspektive für die Zukunft, ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Ich bin angewiesen auf andere, die mir beistehen und mich in dieser Krise begleiten und mir vielleicht auch helfen können. Zur Wüstenerfahrung gehört auch, dass ich über die Situation schimpfe oder mich beklage, wie das Murren in der Exodusgeschichte. Mit den Menschen, von denen ich meine, sie sind an meiner Wüste Schuld, mit dem Schicksal, das es so schlecht mit mir meint, mit Gott, der das zulässt. Auch wenn das Schimpfen und Murren manchmal ungerecht ist, es hat seinen berechtigten Platz. Die biblischen Psalmen sind ein beredtes Beispiel dafür:


Wie lange noch, Herr,
vergisst du mich ganz?

Wie lange noch
verbirgst du dein Gesicht vor mir?

Wie lange noch muss ich
Schmerzen ertragen in meiner Seele,

in meinem Herzen Kummer
Tag für Tag. (vgl. Psalm 13)


An der Situation ändert solches Hadern oft freilich nichts, aber in mir kann sich etwas verändern: Im Schimpfen und Murren benenne ich die Krise und werde mir meiner eigenen Situation bewusst und vielleicht führt das dazu, dass ich die Wüste nicht nur zugeben, sondern auch annehmen kann und lerne, mit dieser Situation so gut wie möglich umzugehen.

Wenn das Murren umschlägt in Annahme, dann kann auch der Blick frei werden für Neues.

In der Exodusgeschichte erhalten die murrenden Israeliten Manna und Wasser und sie haben damit eine Perspektive für ihren Weg durch die Wüste. Und was erhalten wir, auf dem Weg durch die verschiedenen Lebenswüsten? Ich meine durchaus viel, wenn wir einen Blick dafür haben: das kann im wörtlichen Sinn sein, wie bei meiner Exkursion in Israel, die Freude an der Schönheit und Einzigartigkeit des Wadi el Quelt.

Und das können im übertragenen Sinn in unseren Lebenskrisen Menschen sein, die für uns zum „Lebens-mittel“, zum Manna, zum Brot werden: Ärzte, Schwestern und Pfleger, die uns kompetent behandeln. Angehörige und Freunde, die uns in Krisensituationen beistehen und unseren Weg mitgehen. Freilich, die Krise verschwindet nicht einfach, aber sie wird überlebbar, die Wüste wird durchquerbar.

Ich wünsche uns die Kraft, gegen die Wüsten unseres Lebens auch zu murren.

Ich wünsche uns die Kraft, Wüsten zugeben zu können und uns auf diesen Weg einzulassen.

Und ich wünsche uns Menschen, die uns beistehen, unsere Wüste zu bestehen, die für uns zum Manna und zum Brot werden.

Und ich wünsche uns die Gewissheit im Glauben, dass diese Unterstützung nicht selbstverständlich ist, sondern dass Gottes Sorge um uns darin einen Ausdruck findet.


Ihr

Siegfried Thuringer, Pfr.

  

 

 

 

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Donnerstag, 27. September

19.30 Uhr Gartenhausgespräch in der Adalbertstraße 32

Sonntag, 30. September

10.00 Uhr Familiengottesdienst zum Erntedankfest

Donnerstag, 18. bis Sonntag, 21. Oktober

Jahrestagung des Bundes altkatholischer Frauen

Sonntag, 28. bis Mittwoch, 31. Oktober

Dekanatskinderfreizeit für  Kinder von 8 bis 13 Jahren

Sonntag, 11. November

10.00 Uhr Familiengottesdienst zum St.-Martins-Fest

Samstag, 24. November

10.00 Uhr Frauenfrühstück im Döllingersaal